Hi Tom,
wenn du eine NVH-Messung machen lässt, kann man die Ursache deutlich gezielter eingrenzen, als Teile auf Verdacht zu tauschen.
Gutachter oder DEKRA-Stellen rufen für solche Messfahrten teilweise 1.500–2.000 € auf – durchaus ein lukratives Geschäft, wenn man sich anschaut, dass ein technikaffiner Laie mit rund 2.500 € Equipment und ein paar Stunden Einarbeitung im Prinzip dieselben Messdaten erfassen und auswerten kann. Gleichzeitig scheint diese Art der Diagnose im normalen Werkstattalltag kaum verbreitet zu sein. Der Werkstattmeister meiner ersten BMW-Werkstatt wusste zunächst nicht, dass man solche Vibrationen überhaupt messen und einzelnen Ordnungen zuordnen kann. In der zweiten Werkstatt hat der Meister die NVH-Messung bei mir zum ersten Mal live gesehen; auch in Ausbildung, Studium und Meisterausbildung sei das kein Thema gewesen.
Etwas Ähnliches habe er nur einmal beim Technikdelegierten von BMW gesehen. Der komme wohl hauptsächlich dann, wenn eine neue Baureihe anläuft, und messe gezielt wegen möglicher Serienfehler. Autos, die zwei oder drei Jahre alt sind, interessieren dann offenbar kaum noch. Ungeprüft den Stempel „Komfortproblem“ drauf – abgehakt. Ganz zu schweigen davon, was ich beim Technikdelegierten von BMW selbst in Sachen NVH-Messung und anschließender Auswertung gesehen habe … aber ich hör lieber auf, sonst bekomme ich noch Bluthochdruck
. Das moderne KPI- und Prozessdenken ist bei BMW also schon voll implementiert: Was nicht neu, akut oder serienrelevant ist, kann weg. Der Kunde darf die Vibration dann einfach weiter genießen.
Zurück zum Thema:
- Gemessen wird die Schwingungsstärke in m/s² an mehreren Punkten gleichzeitig – einmal dort, wo du sie spürst, und zusätzlich an verschiedenen Punkten des Antriebsstrangs. So sieht man, in welchem Bereich die betreffende Frequenz bzw. Ordnung am stärksten ist.
- Wichtig ist aber: Eine einmalige Messung bringt nur begrenzt etwas. Eigentlich musst du nach jedem Schritt wieder messen und vergleichen – also messen, etwas verändern, erneut messen und schauen, ob sich die relevante Schwingung wirklich verändert hat.
- Genau deshalb wäre ein Allradprüfstand bzw. die Möglichkeit, Vorder- und Hinterachsantrieb getrennt zu testen, ideal. Beim xDrive dreht sich sonst immer sehr viel gleichzeitig mit.
- Mit Hebebühne, NVH-Ausrüstung und deinem Hintergrund als ehemaliger Automech könnte man das deshalb recht systematisch angehen.
- Beim Radsatz ist ein Vergleich noch einfach: anderen, bekannten Radsatz montieren und testen. Beim Antriebsstrang hast du aber nicht mal eben eine garantiert gute Kardanwelle, ein Differential oder VTG zum Gegencheck im Regal.
- Deshalb würde ich erst möglichst sauber eingrenzen und danach gezielt tauschen – gerade wenn du alles selbst bezahlen musst.
Für die Zukunft vielleicht noch als Tipp:
Wenn du ein modernes Auto wirklich lange fahren willst, würde ich es heute möglichst neu kaufen – idealerweise direkt bei dem Händler, bei dem du es später auch warten und reparieren lässt. Dazu eine möglichst lange Garantieverlängerung und eine gute Rechtsschutzversicherung. Wenn dann ein Problem auftritt, das trotz mehrerer Nachbesserungsversuche nicht dauerhaft behoben wird, würde ich mich nicht mehr monatelang selbst mit Fehlersuche, Diskussionen und Teiletausch beschäftigen. Dann muss die Sache konsequent und rechtlich sauber weiterverfolgt werden – notfalls bis zur Rückabwicklung. Die technische Beweisführung läuft im Zweifel über einen Gutachter. Du musst dann nicht selbst versuchen, BMW oder der Werkstatt nachzuweisen, wo genau der Fehler liegt, und dich auch nicht – wie bei mir – anderthalb Jahre lang abwiegeln, vertrösten und von Termin zu Termin schicken lassen, nur um am Ende zu hören: „Problem ist definitiv vorhanden – wir können das Problem aber nicht lösen.“ Und das bei mir trotz damaliger Werksgarantie, anschließender 100-%-Repair-Inclusive-Absicherung und obwohl das Problem nach dem Tausch des Vorderachsgetriebes durch die Werkstatt überhaupt erst entstanden ist. Genau für solche Fälle würde ich heute viel früher die rechtliche Schiene einschalten, statt selbst monatelang hinterherzulaufen ... aber man lernt ja aus Fehlern.
Ich hätte eigentlich gerne wieder einen Neuwagen wie damals meinen E46: 20 Jahre gefahren und sowohl optisch als auch technisch sehr zufrieden gewesen. Danach hat mir über mehrere Generationen hinweg erst wieder der F30 und später der G20 optisch wirklich zugesagt. Gerade den G20 hätte ich deshalb – und das war ursprünglich auch der Plan – liebend gerne wieder 20 Jahre gefahren. Als ich das damals dem BMW-Verkäufer, dem Serviceberater und dem Werkstattmeister erzählt habe, kam allerdings jedes Mal ziemlich direkt die gleiche Antwort: „So lange wird Ihnen das Auto nicht halten.“
Und selbst wenn ich einfach nur etwas erhalten oder ordentlich instandsetzen wollte – z. B. Steinschläge beseitigen, die Motorhaube neu lackieren lassen oder irgendwelche Geräusche und Pfeifgeräusche abstellen – kam oft zuerst die Frage: „Wie lange wollen Sie das Auto denn überhaupt noch fahren?“ Das fand ich schon bemerkenswert. Das Auto war gerade einmal zwei Jahre alt und hatte rund 26.000 km, als ich es gekauft habe. Trotzdem hatte man ständig den Eindruck, dass gar nicht mehr davon ausgegangen wird, ein Auto lange zu besitzen und entsprechend zu erhalten. Ein paar Jahre fahren, dann weg damit und das nächste – Gebrauchsgegenstand, fertig.
Eigentlich schon ziemlich traurig, wenn man bedenkt, was solche Autos kosten und wie viel Technik und Aufwand darin stecken.
Viele Grüße in die Schweiz
Christoph