8. Bezeichnungen und Ordnungen verstehen
Wofür stehen die Buchstaben?
- T = Tire = Rad / Reifen
- P = Propshaft / Powertrain = Antriebsstrang
- E = Engine = Motor
Die Buchstaben zeigen also, aus welchem Bereich eine Auffälligkeit typischerweise kommen kann.
Was bedeutet die Zahl dahinter?
Die Zahl beschreibt die jeweilige Ordnung, also wie oft pro Umdrehung ein Impuls beziehungsweise eine Anregung auftritt.
- 1. Ordnung = 1 Impuls pro Umdrehung
- 2. Ordnung = 2 Impulse pro Umdrehung
- 3. Ordnung = 3 Impulse pro Umdrehung
Einfach gesagt:
Die Ordnung beschreibt, wie oft etwas pro Umdrehung anregt.
Beispiele
- T1 ist die 1. radbezogene Ordnung = 1 Impuls pro Radumdrehung
Typische Beispiele sind Auffälligkeiten bei Rad/Reifen, zum Beispiel durch Unwucht oder Abweichungen am Reifen.
- P1 ist die 1. antriebsstrangbezogene Ordnung = 1 Impuls pro Umdrehung eines Bauteils im Antriebsstrang
Typische Beispiele sind Kardanwelle, Differenzial oder andere drehende Bauteile in diesem Bereich.
- T3 ist die 3. radbezogene Ordnung = 3 Impulse pro Radumdrehung
Mögliche Beispiele sind Auffälligkeiten im Achs- bzw. Wellenbereich, etwa an Antriebswellen, Gelenken oder Tripodgelenken.
Wie sieht das bei professionellen NVH-Messungen aus?
Zum Vergleich: Bei professionellen NVH-Messungen werden solche Ordnungen meist direkt im Diagramm dargestellt. Dadurch lässt sich deutlich schneller erkennen, ob eine Auffälligkeit eher zu Rad/Reifen (T1), dem Achs- bzw. Wellenbereich (T3), dem Antriebsstrang (P1) oder dem Motor (E1) gehört.
NVH2.jpg
Zusätzlich wird bei solchen Messungen die Schwingung oft in drei Raumrichtungen gleichzeitig aufgenommen, also in X (blau), Y (rot) und Z (grün).
XYZ-Achse.jpg
NVH3.jpg
Im gezeigten Beispiel sieht man unten die Einzelwerte in X, Y und Z sowie die daraus gebildete Vektorsumme (XYZ). Diese ist in der Praxis meist der wichtigste Gesamtwert für die Schwingungsstärke.
Dabei ist P1 mit 2,72 m/s² die stärkste Auffälligkeit, gefolgt von T3 mit 1,24 m/s². T1 mit 0,170 m/s² und E1 mit 0,0762 m/s² fallen deutlich geringer aus.
Treten mehrere auffällige Ordnungen gleichzeitig auf, können sie subjektiv deutlich unangenehmer wirken als eine einzelne Auffälligkeit. Mehrere starke Ordnungen können die Gesamtwahrnehmung im Fahrzeug daher nochmals deutlich verschlechtern.
Was zeigt phyphox direkt – und was nicht?
Im phyphox-Wasserfall-Diagramm werden die Kürzel wie T1, P1 oder T3 nicht direkt eingeblendet. Die App zeigt also nicht automatisch an, zu welchem Bereich eine Auffälligkeit gehört.
Was man aber schon gut erkennen kann, ist die Stärke einer Auffälligkeit sowie deren Verlauf über die Geschwindigkeit.
Wie ordnet man die gemessenen Frequenzen dann zu?
Damit man die gemessenen Frequenzen richtig zuordnen kann, braucht man passende Vergleichswerte für T1, P1 und T3 bei der jeweiligen Geschwindigkeit.
Am einfachsten geht das mit einer Excel-Tabelle, in der diese Werte bereits berechnet werden. Für die meisten reicht deshalb direkt der nächste Abschnitt.
Wer den Rechenweg genauer verstehen möchte, findet ihn weiter unten zusätzlich Schritt für Schritt erklärt.
9. Excel-Tabelle zur schnellen Einordnung
Wenn ihr nicht alles von Hand berechnen wollt, könnt ihr direkt die Excel-Tabelle nutzen:
Download: nvh_t1_p1_t3_rechner_v2.xlsx.zip
Dort tragt ihr nur Reifengröße und Achsübersetzung ein. Die Werte für T1, P1 und T3 werden dann automatisch für 0 bis 250 km/h in 1-km/h-Schritten berechnet.
Das ist für die meisten Fälle der schnellste Weg, um eine gemessene Frequenz grob einem Bereich zuzuordnen.
Wichtig: Für eine möglichst genaue Zuordnung sollte nicht die angezeigte Tachogeschwindigkeit, sondern die reale Fahrzeuggeschwindigkeit verwendet werden. Zeigt der Tacho zum Beispiel 100 km/h, können real etwa 97 km/h anliegen. Rechnet man dann mit 100 km/h, verschieben sich auch die berechneten Frequenzen leicht.
Beispiel:
Messt ihr bei realen 97 km/h eine Auffälligkeit bei ca. 36,5 Hz, könnt ihr in der Tabelle nachsehen, welcher Wert bei dieser Geschwindigkeit zu T1, P1 oder T3 passt. Daraus lässt sich dann grob ableiten, ob die Ursache eher bei Rad/Reifen, im Achs- bzw. Wellenbereich oder im Antriebsstrang liegt.
Gerade wenn man gemessene Frequenzen aus dem Wasserfall-Diagramm mit verschiedenen Geschwindigkeiten vergleichen möchte, ist das deutlich schneller und übersichtlicher als jede Rechnung von Hand.
Einen Screenshot davon füge ich euch ebenfalls noch ein. Für die praktische Einordnung reicht die Tabelle in den meisten Fällen völlig aus.
Excel.jpg
Wer nachvollziehen möchte, wie diese Werte entstehen, findet die genaue Berechnung im nächsten Abschnitt.